Kurz nach dem Ortsausgang, auf der Seite, die nach Österreich schaut, steht ein Haus, an dem die meisten vorbeifahren. Schindeln bis unters Dach, grüne Läden, davor ein Zaun aus krummen Stangen. Von der Straße aus sieht es aus wie viele im Tal. Es ist aber deutlich älter als die meisten, und wir durften hinein.
Gebaut wurde die Alm im 18. Jahrhundert. Das sind rund dreihundert Winter. Winter, in denen der Schnee hier oben meterhoch liegt, in denen früher wochenlang niemand geräumt hat und in denen alles, was gebraucht wurde, schon im Haus sein musste: Menschen, Vieh, Vorräte, Holz. So ein Haus war kein Wohnort im heutigen Sinn. Es war die Bedingung dafür, dass jemand den Winter überstand.
Balderschwang wird Bayerisch Sibirien genannt, und das ist nicht nur ein Spitzname für Prospekte. Das Hochtal ist eine Kältefalle. Die schwere kalte Luft sammelt sich am Talboden und bleibt dort liegen, der Schnee kommt früher und geht später als in den Orten unterhalb des Passes. Wer hier gebaut hat, hat gegen genau das gebaut.
Das Dach steht weit über
Das Auffällige am Dach ist nicht seine Neigung, die ist ganz gewöhnlich. Auffällig ist, wie weit es über die Wand hinausragt. Am Giebel steht es einen guten Meter vor, und man sieht auch, worauf es dabei liegt: Die Längsbalken des Dachstuhls stoßen durch die Giebelwand hindurch und schauen als Balkenköpfe ins Freie.
Der Zweck ist handfest. Die Wand darunter ist aus Holz. Je weiter das Dach vorsteht, desto seltener kommt Regen überhaupt an sie heran und desto länger hält sie. Bei einem Haus mit knappem Dachrand läuft bei jedem Schauer Wasser über die Fassade, hier fällt es einen Meter davor zu Boden. Dasselbe gilt für den Schnee, der im Winter vom Dach kommt: Er landet nicht an der Wand, sondern davor.
Gedeckt ist das Dach wie die Wand, mit Schindeln. Stellenweise steht Moos darauf, was kein Schaden ist, solange die Schindeln darunter dicht sind. Die Balkenquerschnitte wirken für heutige Verhältnisse überdimensioniert. Bei den Schneelasten, die hier im Winter zusammenkommen, sind sie es nicht.
Die Wand ist eine Haut, die man wechselt
Schindeln wurden gespalten, nicht gesägt. Beim Spalten reißt das Holz entlang der eigenen Faser, die Oberfläche bleibt geschlossen, und Wasser läuft ab, statt einzuziehen. Fichte oder Tanne, aus dem Wald gleich dahinter.
Man sieht dem Haus an, welche Seite Wetter abbekommt: Dort ist die Wand dicht zugelegt. Und man sieht, dass die Flächen unterschiedlich alt sind. Das ist kein Makel, das ist das Prinzip. Die Schindelhaut ist ein Verschleißteil. Sie wird in Abschnitten erneuert, lange bevor Wasser an das Holz darunter kommt. Der Balken ist das Haus. Die Schindel ist der Mantel.
Unten steht das Ganze auf einer Trockenmauer aus Bruchsteinen. Auch die ist keine Zierde. Holz, das dauerhaft auf feuchtem Grund sitzt, fault. Die unterste Schwelle ist bei alten Häusern fast immer das Bauteil, das als erstes getauscht werden muss.
Ein Garten, der eine Saison vorspringt
Auf gut tausend Metern ist die Gartensaison kurz. Der Boden bleibt lange kalt, und im Juni kann noch einmal Frost kommen. Ein Hochbeet gleicht genau das aus: Die Erde darin erwärmt sich schneller, das Wasser läuft ab, und wer sich bückt, bückt sich weniger tief. Salat, Sellerie, Lauch, Kohl. Nichts Exotisches, alles das, was hier oben durchkommt.
An der Bretterwand hängen zwei rostige Schilder. Auf einem steht, dass der Glückliche wilde schöne Blumen sieht, wo ein anderer nur Unkraut erkennt. Das ist die Sorte Satz, die man auf Dekoschildern schnell überliest. Vor diesem Beet, mit dem Berg dahinter, sitzt er ziemlich gut.
Die Stube
Drinnen wird es sofort still. Holz schluckt Schall, und in der Stube ist alles Holz: die Wände getäfelt, die Decke in Felder geteilt, der Boden aus breiten Dielen. Die Bank läuft um die Ecke und ist nicht gestellt, sondern eingebaut. Ein Möbel, das man nicht verrückt, weil sein Platz zum Haus gehört.
Die Fenster sind klein und stehen in Gruppen beieinander. Glas war teuer, Wärme war teurer. Also lieber zwei oder drei kleine Öffnungen nebeneinander auf der Sonnenseite als ein großes Loch in der Wand. Das Licht, das dabei herauskommt, ist ein anderes als in einem heutigen Zimmer. Es kommt aus einer Richtung und legt sich als Streifen über den Tisch.
In der Ecke hängen die Bilder, wie sie in Häusern dieser Gegend seit Generationen hängen. Auf dem Tisch stehen frische Blumen und ein gerahmtes Foto. Auf dem Boden liegen Fleckerlteppiche, gewebt aus Stoffresten. Ein Handwerk aus einer Zeit, in der nichts weggeworfen wurde, weil es nichts wegzuwerfen gab.
Und daneben läuft der Alltag weiter
Zwei Schritte weiter steht ein Sofa mit einer Decke darauf, davor ein Fernseher, an der Wand hängen Rahmen voller Kinderfotos. Genau das ist der Unterschied zu jedem Freilichtmuseum. Hier wurde nichts hergerichtet. Es wurde bloß nie aufgehört.
Zwischen den Fenstern hängt eine Uhr aus einem einzigen Brett. Darauf steht: Alles zu seiner Zeit. In einem Haus, das seit dreihundert Jahren nach dem Wetter geht, liest sich das weniger nach Spruchweisheit als nach Erfahrung.
Die Küche
Die Küche ist heller und kühler. An der Wand hängen Büschel getrockneter Kräuter, kopfüber aufgehängt, damit nichts von dem verloren geht, was in den Blättern steckt. Der Herd wird mit Holz gefeuert und hat oben eine massive Platte mit Zonen: direkt über dem Feuer kocht es, weiter außen hält es warm. Wer damit umgehen kann, braucht keinen Drehknopf.
Neben dem Herd sitzt eine kleine gusseiserne Tür in der Wand. In Häusern dieser Bauart wurde der Ofen der Stube von der Küche aus gefeuert. Das Feuer heizt also den Nachbarraum, und Asche, Ruß und Scheite bleiben dort, wo ohnehin gearbeitet wird. Die Stube blieb sauber. Das ist keine Kleinigkeit, wenn ein Raum den ganzen Winter über Wohnzimmer, Werkstatt und Schlafplatz zugleich ist.
Das Buffet
Das Buffet ist aus Weichholz, hell, mit zwei Türen unten und offenen Böden oben. Tassen, Krüge, Schüsseln, dazwischen Servietten, die jemand gefaltet und aufgestellt hat. Möbel wie dieses wurden nicht gekauft, sondern beim Schreiner im Ort bestellt, und zwar für diese eine Wand.
Obendrauf liegen Bücher über die Alpwirtschaft. Im Allgäu heißt der Betrieb am Berg Alpe, weiter östlich sagt man Alm, und das Wort zieht sich durch alles, was hier oben Arbeit war: auftreiben, sennen, käsen, abtreiben. Dass diese Bücher in diesem Haus stehen und nicht in einem Regal unten im Tal, sagt einiges.
Die Distel am Fenster
In der Schale liegen Silberdisteln. Die Pflanze hat einen zweiten Namen, Wetterdistel, und der ist wörtlich gemeint. Ihre silbrigen Hüllblätter stellen sich bei trockener Luft auf und legen sich bei feuchter Luft über die Blüte. Das läuft rein mechanisch ab und funktioniert deshalb auch dann noch, wenn die Pflanze längst getrocknet ist. Wer eine an die Haustür nagelt, hat einen Feuchtigkeitsmesser, der nichts kostet und nie ausfällt.
Warum solche Häuser so lange halten
Die Antwort ist unspektakulär. Es sind drei Dinge, und alle drei muss jemand tun.
Das Haus muss bewohnt sein. Ein geheiztes Haus ist ein trockenes Haus, und trockenes Holz hält praktisch ewig. Leer stehende Häuser aus derselben Zeit sind nach zwanzig Jahren kaum noch zu retten, obwohl ihnen niemand etwas getan hat. Genau das ist ja das Problem.
Das Dach muss dicht sein, bevor es undicht wird. Wer wartet, bis es tropft, tauscht nicht mehr die Schindel, sondern den Balken darunter.
Und es darf nicht zu gut gemeint werden. Alte Wände müssen austrocknen können. Was mit dichten Folien und hartem Zementputz eingepackt wird, arbeitet von innen weiter, sauber verborgen, bis es zu spät ist. Die Häuser, die die längsten Zeiträume überstanden haben, sind meistens die, an denen am wenigsten experimentiert wurde.
Wie man das Alter eines solchen Hauses festmacht
Es gibt zwei Wege. Der eine steht am Haus selbst: eine eingeschnitzte Jahreszahl am Türsturz, am Firstbalken oder an einem Deckenbalken, oft zusammen mit Initialen und einem Segensspruch. Der zweite ist die Dendrochronologie. Dabei wird einem Balken ein bleistiftdünner Bohrkern entnommen und die Abfolge seiner Jahrringe mit Referenzkurven aus der Region verglichen. Weil jedes Jahr sein eigenes Wachstumsmuster hinterlässt, lässt sich oft auf das Jahr genau sagen, wann der Baum gefällt wurde. Und weil Bauholz früher frisch verbaut wurde, ist das Fälljahr meist auch das Baujahr.
Zum Schluss
Was an diesem Haus beeindruckt, ist nicht sein Alter an sich. Es ist, dass jedes Teil eine Aufgabe hat. Das flache Dach, die Schindelwand, die kleinen Fenster, die eingebaute Bank, die Ofentür in der Küchenwand: Alles beantwortet eine Frage, die das Wetter hier oben gestellt hat. Dekoration ist davon nichts, auch wenn es heute so aussieht.
Dreihundert Winter, und drinnen brennt Licht. Mehr Beweis braucht eine Bauweise eigentlich nicht.