Einmal im Jahr ist im Tal für einen Vormittag mehr los als sonst in einer Woche. Rund 180 Rinder kommen nach etwa hundert Tagen von den Hochalpen herunter, und das halbe Dorf steht am Weg. Der Balderschwanger Viehscheid ist kleiner als die bekannten in Oberstdorf oder Bad Hindelang, und genau das ist sein Vorteil.
Der nächste Termin ist Freitag, der 11. September 2026. Los geht es um 8.30 Uhr am Feuerwehrhaus am Dorfplatz, und bis alles vorbei ist, vergehen etwa sieben Stunden.
Wann welche Alpe kommt
Die Herden kommen nicht auf einmal, sondern nacheinander, ungefähr im Stundentakt. Ab etwa 10 Uhr trifft jeweils eine Alpe am Scheidplatz in der Ortsmitte ein:
| ca. 10 Uhr | Alpe Seelosschelpen und Gelbhansekopf, Hirte Markus Körbe |
|---|---|
| ca. 11 Uhr | Alpe Obere Wilhelmine, Hirte Werner Steurer |
| ca. 12 Uhr | Alpe Schwarzenberg, Hirte Michl Rohrmooser |
| ca. 13 Uhr | Alpe Güntle, Familie Bilgerie |
Die Zeiten sind Richtwerte. Eine Herde lässt sich nicht auf die Minute steuern, und wenn eine Alpe früher unten ist oder später, dann ist das so. Wer nur eine sehen will, sollte trotzdem eine halbe Stunde vorher da sein.
Das Kranzrind
Vorneweg läuft ein geschmücktes Tier. Der Kopfschmuck ist aus Naturmaterialien gebunden, aufwendig, und er hat eine klare Bedeutung: Der Sommer auf der Alpe ist ohne Unfall vergangen. Kein Tier ist abgestürzt, keinem Menschen ist etwas passiert.
Bleibt der Schmuck aus, ist das kein Versehen. Dann kommt die Herde still herunter, und wer sich auskennt, weiß Bescheid, ohne zu fragen. Das ist der Teil des Brauchs, den man auf Fotos selten sieht.
Warum es Scheid heißt
Der Name kommt vom Scheiden, also vom Trennen. Im Frühsommer treiben mehrere Bauern ihre Jungrinder gemeinsam auf eine Alpe. Den Sommer über kümmert sich ein Hirte um alle zusammen. Unten angekommen muss jedes Tier wieder zu seinem Besitzer, und genau das passiert am Scheidplatz: Die Herde wird eingelassen, die Tiere werden aufgerufen und einzeln herausgelassen.
Das ist der eigentliche Vorgang, alles andere kommt drumherum. Für die Bauern ist es der Moment, in dem sich zeigt, wie das Vieh über den Sommer gekommen ist. Ein Rind, das im Juni hochgetrieben wurde, sieht im September anders aus.
Der Sommer davor
Hundert Tage klingt nach einer Zahl aus dem Prospekt, ist aber ungefähr die Wahrheit. Von Anfang Juni bis Mitte September bleiben Tiere und Hirte oben. Kein Wochenende, kein Feierabend, dafür Gewitter, Nebeltage und im August manchmal Neuschnee.
Wer wissen will, wie so eine Alpe von innen aussieht: Ein paar davon sind Ausflugsziele, andere nicht. Die vier Alpen, die hier heruntertreiben, liegen über dem Tal Richtung Gelbhansekopf, Wilhelmine, Schwarzenberg und Güntle.
Nach dem Scheid
Ab dem Vormittag spielt Musik, es gibt etwas zu essen und zu trinken, regional und ohne großes Aufheben. Gegen 15 Uhr kommen die Schellenverlosung und der Älplerabschied, dann läuft die Sache aus.
Die Schellen sind übrigens kein Schmuck für den Alltag. Getragen werden sie für den Weg ins Tal, danach kommen sie wieder weg. Ein ausgewachsenes Exemplar wiegt mehrere Kilo.
Hinkommen
Am Viehscheidtag ist die Straße ins Tal voller als sonst, und Balderschwang hat keinen großen Parkplatz. Empfohlen wird die Anreise mit dem Bus, Linie 46, Fahrpläne bei mona-allgaeu.de. Wer mit dem Auto kommt, parkt an der Riedbergerhornbahn oder an der Schelpenbahn und geht das letzte Stück zu Fuß.
Über die beiden Zufahrten ins Tal, den Riedbergpass und die Strecke von Westen über Hittisau, steht mehr auf der Seite Anreise & Riedbergpass.
Ein paar Dinge, die überall beim Viehscheid gelten
Das sind keine Balderschwanger Sonderregeln, sondern das, was der Umgang mit ein paar hundert Rindern nahelegt.
Hunde bleiben besser zu Hause. Wenn doch einer mitkommt, gehört er an die kurze Leine und aus dem Weg. Rinder, die den Sommer über keinen Hund gesehen haben, reagieren nicht gelassen.
Der Treibweg bleibt frei. Wer für ein Foto in die Gasse tritt, bringt die Herde durcheinander, und eine durcheinandergebrachte Herde ist schneller als man denkt. Kinder gehören an die Hand, Kinderwagen nicht an den Straßenrand.
Und: Bargeld einstecken. Für Bratwurst und Bier will an so einem Tag niemand eine Kartenzahlung abwickeln.