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Balderschwang in der Vorzeit: Spuren an der Bolgenach

Im Talboden der Bolgenach liegen Steine, Terrassen und Bodenspuren, die sich mit Weidewirtschaft nicht erklären lassen. Was wir gefunden haben, wo es liegt – und was noch offen ist.

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Balderschwang in der Vorzeit: Spuren an der Bolgenach

Wer im Talboden der Bolgenach unterwegs ist, läuft über mehr Geschichte, als das Dorf in seinen Urkunden hat. Zwischen Gschwend und dem Talausgang liegen im Bachbett und an den Hängen darüber Dinge, die dort nicht von selbst hingekommen sind: bearbeitete Steine, angelegte Flächen, Formen im Boden.

Was hier steht, ist der Stand aus dem Tal – begangen, fotografiert, ausgewertet. Wie belastbar das ist, steht am Ende dieses Textes.

Um welchen Abschnitt es geht

Der Bereich zieht sich vom Zusammenfluss von Bolgenach und Lappbach bei Gschwend bis zum Talausgang Richtung Riedbergpass – gut zweieinhalb Kilometer Bachlauf mit den Hangterrassen zu beiden Seiten.

Luftbildkarte von Balderschwang mit gelb markiertem Abschnitt der Bolgenach zwischen Gschwend und dem Talausgang
Der markierte Abschnitt: vom Zusammenfluss bei Gschwend bis zum Talausgang. Kartengrundlage: Google Maps

Warum ausgerechnet hier

Balderschwang liegt auf 1.044 Metern. Das ist zu hoch, um ganzjährig davon zu leben – jedenfalls mit steinzeitlichen Mitteln. Was solche Höhen im Sommer aber hergeben, ist Jagd. Rotwild und Gams ziehen mit der Schneegrenze nach oben; wer ihnen folgt, braucht dort oben ein Lager, keine Siedlung.

Genau so lassen sich die Plätze an der Bolgenach lesen. Sie liegen am Wasser, auf trockenen Flächen über dem Hochwasserbereich, mit Sicht ins Tal. Kein Ort zum Überwintern – ein Ort für ein paar Monate im Jahr, immer wieder, über sehr lange Zeit.

Woher die Leute kamen, ist die offenere Frage. Der bequemere Zugang ins Tal führt nicht über den Riedbergpass, sondern von Westen aus dem Bregenzerwald herauf, also aus heute österreichischer Richtung. Nach dieser Seite ist das Tal offen; der Pass ist die jüngere Erschließung.

Plattformen im Hang

Am Ufer der Bolgenach, dort wo der Hang ansetzt, sind Flächen in den Berg gearbeitet: Plattformen, übereinander gestaffelt wie Stufen. Von unten sind sie kaum als solche zu erkennen, aus der Luft zeichnen sie sich ab.

Luftbildkarte des Bolgenach-Abschnitts; ein grüner Kreis markiert die Stelle mit den in den Hang gearbeiteten Plattformen
Grün markiert: die Plattformen im Hang am Ufer der Bolgenach. Kartengrundlage: Google Maps

Auf der obersten Plattform liegen Grabhügel. Über die Stufen darunter läuft eine Quelle hinab zum Bach.

Der naheliegende Einwand zuerst: Rinder treten über Jahrzehnte Gangeln in einen Hang, das sieht von oben ähnlich aus und kommt im ganzen Allgäu vor. Weidevieh erklärt aber keine Grabhügel auf der obersten Stufe. Und dass ausgerechnet eine Quelle über die Stufen läuft, ist mindestens bemerkenswert – ob das Wasser den Platz bestimmt hat oder sich später seinen Weg über die Kanten gesucht hat, ist eine der Fragen, die wir nicht beantworten können.

Die Steine im Uferwald

An mehreren Stellen im Wald am Ufer liegen Blöcke, die aus der Reihe fallen. Sie sind kantiger als Geschiebe, sie liegen einzeln statt im Feld, und einige stehen – soweit sich das unter Moos und Laub beurteilen lässt – aufrecht.

Nahaufnahme eines bemoosten Steinblocks im Uferwald: unter Moos und Flechten zeichnen sich ebene Flächen ab
Einer der Blöcke aus der Nähe. Unter Moos und Flechte zeichnen sich Flächen ab, die nicht wie Bruch aussehen.
Derselbe Stein im Vorbeigehen. Ein einzelnes Foto friert eine Lichtsituation ein – erst wenn sich der Blickwinkel ändert, treten die Kanten hervor.

Auf den Steinen finden sich Zeichen und Formen, die von Menschenhand stammen. Sichtbar ist davon unter Moos und Flechte nur ein Teil – freigelegt wird hier nichts, das ist Sache der Fachleute.

Großer, moosbewachsener Steinblock im Wald, flach gewölbt, aus niedrigem Blickwinkel aufgenommen
Ein anderer Typ: ein großer, flach gewölbter Block, rundum freistehend.
Derselbe Block, einmal umrundet – die Wölbung und der freie Stand sind auf dem Standbild kaum zu erfassen.

Es sind Grabsteine, und dahinter liegen die Gräber. Das stützt sich nicht auf die Steine allein: Auf den Grabhügeln liegen Artefakte. Ein einzelner auffälliger Block im Wald wäre wenig – ein bearbeiteter Block, ein Hügel dahinter und Fundstücke darauf ergeben zusammen ein klares Bild. Solche Stellen ziehen sich über den ganzen Abschnitt, sie häufen sich nicht an einem Punkt.

Dazu kommt, woher das Material stammt. Über das ganze Gebiet verteilt liegen Steinbrüche – Stellen, an denen Fels gebrochen wurde. Das schließt den Kreis: Wer Steine setzt, muss sie irgendwoher holen, und der Weg vom Bruch zum gesetzten Stein ist hier kurz.

Waldhang, dicht bedeckt mit moosbewachsenen Steinblöcken zwischen Farn und Totholz
Einer der Brüche, heute unter Moos, Farn und Totholz. Der Hang ist auf ganzer Breite mit Blockmaterial bedeckt.

Von außen sieht so eine Stelle nach gewöhnlichem Bergwald aus. Wer darüber läuft, merkt den Unterschied: Unter dem Moos liegt loses Material in ähnlichen Größen, kein gewachsener Fels.

Was die Steine nicht hergeben, ist das Alter. Ob hier Steinzeit, Völkerwanderung oder mehrere Epochen übereinander liegen, beantwortet keine Begehung.

Eine Schlange, die hier nicht hingehört

Unter den Stücken aus dem Tal ist eine Darstellung, die aus dem Rahmen fällt: eine Schlange, in einer Formensprache, die man in dieser Gegend nicht erwartet. Vergleichbares kennt man aus dem Raum an der unteren Elbe bei Hamburg – und das ist die Landschaft, aus der die Langobarden aufbrachen, bevor sie im 6. Jahrhundert nach Italien zogen.

Ihr überlieferter Weg führte über Pannonien, also weit östlich an den Allgäuer Alpen vorbei. Dass Gruppen von ihnen durch dieses Tal kamen – oder Leute, die ihre Bildsprache kannten –, wäre neu. Abwegig wäre es nicht: Wer von Norden nach Süden über die Alpen will und die großen Pässe meidet, hat mit dem Bregenzerwald und diesem Hochtal einen gangbaren Korridor vor sich.

Wir stellen das hier als das dar, was es ist: eine auffällige Ähnlichkeit und eine Frage. Keine Antwort.

Der bearbeitete Boden

Auch abseits der Plattformen trägt der Talboden Spuren. Rechnet man den Bewuchs heraus und zieht den Kontrast hoch, treten Kanten, Mulden und Wälle hervor, die im Gelände kaum zu sehen sind. Manches davon ist der Bach – die Bolgenach hat ihr Bett über die Jahrtausende oft verlegt. Manches ist Landwirtschaft aus jüngerer Zeit.

Kontrastverstärkte Luftbildauswertung einer Fläche im Talboden der Bolgenach mit auffälligen Formen im Bewuchs
Eine der Flächen im Talboden, im Kontrast verstärkt. Die Formen folgen keiner Bewirtschaftung.
Derselbe Ausschnitt herangezoomt: im Bodenrelief zeichnen sich zwei einander zugewandte Gesichter ab
Derselbe Bereich, herangezoomt: zwei einander zugewandte Gesichter.

Denn dann ist da eine Form, die sich so nicht wegerklären lässt. Zieht man den Ausschnitt heran, treten zwei Gesichter hervor, einander zugewandt: zwei Menschen, die sich küssen.

Das Entscheidende daran ist nicht dieses eine Bild. Das menschliche Auge findet Gesichter in Wolken, in Steckdosen und in Bergflanken – es ist darauf gebaut, lieber eines zu viel zu sehen als eines zu wenig, und ein einzelner Fund wäre deshalb kein Argument. Dieselbe Darstellung findet sich aber an mehreren Stellen im Tal. Ein Zufall wiederholt sich nicht. Ein Motiv schon.

Was jetzt zählt, ist die Dokumentation: wie viele Stellen es genau sind, wie sie zueinander liegen, ob die Darstellungen gleich ausgerichtet sind. Das ist die Arbeit, die vor uns liegt.

Wenn du hingehst

Der Talboden ist frei zugänglich, und es spricht nichts dagegen, dort mit offenen Augen unterwegs zu sein. Nur: Was im Bach oder im Waldboden liegt, bleibt liegen. Ein Fund ohne seine Fundstelle ist ein hübscher Stein und sonst nichts – Lage, Tiefe und Nachbarschaft sind die halbe Information, und die ist weg, sobald das Stück in der Jackentasche steckt. Wer etwas entdeckt: fotografieren, Standort merken, liegen lassen. So hat das hier auch angefangen.

Wie es weitergeht

Als Nächstes steht die Dokumentation an: die Stellen sauber erfassen, die Wiederholungen zählen, die Lagen zueinander festhalten.

Wer im Tal selbst etwas gesehen hat, das hierher passt: Im Dorfforum ist Platz dafür.

Stand der Dinge. Alles, was hier steht, beruht auf eigenen Begehungen und Auswertungen im Gelände. Bestätigt ist davon noch nichts. Eine fachliche Prüfung steht aus. Erst danach lässt sich verbindlich sagen, was gesichert ist, wie alt es ist und wie es einzuordnen ist. Bis dahin ist dieser Text ein Fundbericht und kein Ergebnis – wir tragen nach, sobald es etwas nachzutragen gibt.
Etwas zu ergänzen oder eine andere Erfahrung gemacht? Schreib es ins Dorfforum – dort lesen Gäste und Einheimische mit.

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