Verfasser

Angefangen hat es beim Kneippen, und es ging dabei um etwas ganz anderes. Jemand, der im Norden Deutschlands seit Jahren germanische Siedlungen aufspürt und beim dortigen Denkmalamt ein bekannter Name ist, stand im kalten Wasser des Lappbachs – im Urlaub, ohne jede Absicht. Er hielt Ausschau nach grün schimmernden Steinen, wie man sie mitnimmt, um sie zu schleifen und zu polieren. Einer davon kam mit nach Hause.
Aufgefallen ist es erst dort. Im Bach war es ein hübscher grüner Stein unter vielen; auf dem Tisch war es kein Geschiebe mehr, sondern ein Werkzeug. Wäre es schon am Wasser aufgefallen, wäre das Stück an Ort und Stelle geblieben.
Das Stück, um das es zuerst geht, ist eine Handaxt. Gut handlang, grünlich-grauer Stein, ein deutlich abgesetzter Nacken, zur Schneide hin schmal zulaufend. Jemand hat sie hergestellt, benutzt und irgendwann im Flussbett verloren. Danach lag sie mehrere tausend Jahre im Lappbach, bis sie wieder jemand aufhob.
Der Fundort: im Flussbett des Lappbachs, gegenüber dem Steinbruch, der weiter unten in diesem Text abgebildet ist. Für diese eine Axt ist das genau, für das Ganze nebensächlich – die Fundstücke verteilen sich über das gesamte Gebiet. Genauer steht es hier bewusst nicht: Was dort liegt, soll liegen bleiben, bis das Amt da war.
Die Axt selbst wird der Gemeinde übergeben, sobald sie es wünscht.
Damit ist die Frage, um die der Rest dieses Textes kreist, im Kern schon beantwortet: In der Steinzeit waren hier Menschen. Eine Handaxt entsteht nicht im Bachbett. Sie entsteht, weil jemand einen Stein in die Hand nimmt, ihn zurichtet und damit arbeitet. Und sie ist kein Einzelstück – aus der Bolgenach und ihrer näheren Umgebung stammen mehrere solcher Werkzeuge, Beile und Handkeile.
Das ist der Unterschied zu allem anderen, was hier steht. Ein Fundstück kann man in die Hand nehmen, wiegen und drehen; es bleibt dasselbe, egal wie das Licht fällt. Aufgehoben hat es jemand, der an dem Tag Steine zum Schleifen suchte – und der zugleich seit Jahren Siedlungsspuren liest und dessen Meldungen die Denkmalpflege seiner Heimat kennt. Er wusste also, was er in der Hand hielt, sobald er genauer hinsah. Nachdem sich der Verdacht an den Stücken bestätigt hatte, ging die Meldung an das zuständige Denkmalamt.
Seine Einordnung ist eine vorläufige, und sie lautet: steinzeitliche Lager, bezogen in den Sommermonaten. Wie alt die Stücke genau sind, bestimmt nicht er und bestimmen erst recht nicht wir – eine genaue Altersbestimmung kann nur das Amt vornehmen.
Beim zweiten Hinsehen kommt etwas dazu, das schwerer zu fassen ist: Im Umriss ähnelt die Axt einem Murmeltier, und bei streifendem Licht wirft ihre Vorderseite eine Figur als Schatten. Ob das gewollt war, behaupten wir hier nicht – das ist dieselbe Art Frage wie weiter unten bei den Blöcken im Uferwald. Für die Sache ändert es nichts. Das Werkzeug bleibt ein Werkzeug.
Vom einzelnen Stein zum ganzen Tal
Das Entscheidende passierte danach. Wer einmal weiß, wonach er sieht, sieht es überall: Der Blick ging vom Bachbett auf das Ufer, vom Ufer auf den Hang, vom Hang auf das übrige Gelände. Und damit wuchs die Sache vom Einzelfund zur Fläche. Es ist nicht ein Platz, an dem etwas liegt. Es ist ein Tal.
Wer im Talboden der Bolgenach unterwegs ist, läuft über mehr Geschichte, als das Dorf in seinen Urkunden hat. Zwischen Gschwend und dem Talausgang liegen im Bachbett und an den Hängen darüber die Hinterlassenschaften vergangener Völker: gesetzte Blöcke, in den Hang gearbeitete Plattformen, Steinbrüche, Formen im Boden.
Dabei sind zwei Dinge auseinanderzuhalten, und das bleibt in diesem Text auch so. Die Fundstücke liegen vor. Alles Weitere ist der Stand aus dem Tal – begangen, fotografiert, ausgewertet. Wie belastbar was ist, steht am Ende dieses Textes.
Um welchen Abschnitt es geht
Der Bereich zieht sich vom Zusammenfluss von Bolgenach und Lappbach bei Gschwend bis zum Talausgang Richtung Riedbergpass – gut zweieinhalb Kilometer Bachlauf mit den Hangterrassen zu beiden Seiten.
Warum ausgerechnet hier
Balderschwang liegt auf 1.044 Metern. Das ist zu hoch, um ganzjährig davon zu leben – jedenfalls mit steinzeitlichen Mitteln. Was solche Höhen im Sommer aber hergeben, ist Jagd. Rotwild und Gams ziehen mit der Schneegrenze nach oben; wer ihnen folgt, braucht dort oben ein Lager, keine Siedlung.
Das ist keine Rechnung, die nur in diesem Tal aufgeht. Was in den Bergen ringsum in den letzten Jahren gefunden wurde, zeigt dasselbe Muster: In diesen Höhen wurden Sommerlager errichtet, bezogen und wieder verlassen. Bewohnt waren die hohen Lagen nur in der warmen Hälfte des Jahres – oben gejagt, unten überwintert.
Am deutlichsten wird das zehn Kilometer östlich von hier. Im Bolgental bei Bolsterlang sind Steinzeitwerkzeuge in Menge gefunden worden, und an der Mittelstation der Hörnerbahn steht heute ein nachgebautes Steinzeitdorf, das genau diese Lebensweise zeigt: Jäger und Sammler, die den Sommer oben verbrachten. Was dort als Museum unter freiem Himmel steht, liegt hier noch im Bachbett.
Genau so lassen sich die Plätze an der Bolgenach lesen. Sie liegen am Wasser, auf trockenen Flächen über dem Hochwasserbereich, mit Sicht ins Tal. Kein Ort zum Überwintern – ein Ort für ein paar Monate im Jahr, immer wieder, über sehr lange Zeit.
Woher die Leute kamen, ist die offenere Frage. Der bequemere Zugang ins Tal führt nicht über den Riedbergpass, sondern von Westen aus dem Bregenzerwald herauf, also aus heute österreichischer Richtung. Nach dieser Seite ist das Tal offen; der Pass ist die jüngere Erschließung.
Plattformen im Hang
Am Ufer der Bolgenach, dort wo der Hang ansetzt, sind Flächen in den Berg gearbeitet: Plattformen, übereinander gestaffelt wie Stufen. Von unten sind sie kaum als solche zu erkennen, aus der Luft zeichnen sie sich ab.
Auf der obersten Plattform liegen Grabhügel. Über die Stufen darunter läuft eine Quelle hinab zum Bach.
Von hier an baut eine Stufe auf der anderen auf: Auf der ersten sitzt die zweite, darüber die nächste. Jede für sich ist eine trockene, ebene Fläche über dem Bach.
Für den Sommer ergibt das gute Wohnplätze. Wasser ist da, ohne dass jemand hinunter zum Bach muss – die Quelle läuft über die Stufen. Hochwasser bleibt unten. Und von jeder Fläche aus liegt der Abschnitt der Bolgenach offen im Blick, man sieht also, wer sich nähert. Wer im Sommer hier oben jagt, findet schwer einen besseren Platz für ein Lager.
Auf den Stufen selbst gibt es Stellen, die eben sind, wo der Hang eigentlich fallen müsste. Ein Teil davon ist sicher nur Boden, der sich über die Jahrhunderte gesetzt hat. Andere Flächen sind auffällig regelmäßig begrenzt.
Der naheliegende Einwand zuerst: Rinder treten über Jahrzehnte Gangeln in einen Hang, das sieht von oben ähnlich aus und kommt im ganzen Allgäu vor. Weidevieh erklärt aber keine Grabhügel auf der obersten Stufe. Und dass ausgerechnet eine Quelle über die Stufen läuft, ist mindestens bemerkenswert – ob das Wasser den Platz bestimmt hat oder sich später seinen Weg über die Kanten gesucht hat, ist eine der Fragen, die wir nicht beantworten können.
Die Platten in den Bächen
In den Bächen, die von den Hängen ins Tal laufen, liegen Felsplatten: groß, flächig und an der Oberseite vollkommen glatt. Glatter, als fließendes Wasser einen Stein üblicherweise schleift. Sie liegen auch nicht einzeln, sondern hintereinander im Lauf.
Genauer lässt es sich im Moment nicht sagen: Es war der Lappbach oder einer seiner Seitenbäche – jener Bach, der bei Gschwend in die Bolgenach mündet. Bilder davon gibt es keine mehr, eingemessen ist die Stelle nicht. Das ist eine Lücke, und sie steht hier als solche.
Das Auffällige sind die Durchlässe. Jede Platte hat Öffnungen, durch die das Wasser weiterläuft – und von Platte zu Platte werden sie kleiner. Oben grob, weiter unten fein. Wer einmal einen Filter gebaut hat, kennt das Prinzip: Jede Stufe hält zurück, was die vorige noch hat durchgehen lassen.
Was unten ankam, war entsprechend sauber – sauber genug, um es ohne Bedenken zu trinken.
Der Einwand liegt auch hier nahe: Wasser schleift, und Strudellöcher entstehen von selbst. Was sich damit schlechter erklären lässt, ist die Reihenfolge – dass die Durchlässe von oben nach unten kleiner werden, über mehrere Platten hinweg. Ein Bach sortiert nicht.
Zu den Plätzen weiter oben passt es jedenfalls. Ein Lager braucht Wasser, und nicht irgendeines. Wer ein paar Monate an derselben Stelle sitzt, hat ein handfestes Interesse daran, dass der Bach nicht mitbringt, was das Lager krank macht.
Die Steine im Uferwald
An mehreren Stellen im Wald am Ufer liegen Blöcke, die aus der Reihe fallen. Sie sind kantiger als Geschiebe, sie liegen einzeln statt im Feld, und einige stehen – soweit sich das unter Moos und Laub beurteilen lässt – aufrecht.
Auf den Steinen finden sich Zeichen und Formen, die von Menschenhand stammen. Sichtbar ist davon unter Moos und Flechte nur ein Teil – freigelegt wird hier nichts, das ist Sache der Fachleute.
Nicht alles davon liegt auf der Oberfläche. Manche der Blöcke muten selbst wie Tiere an, und bei einem ist es mehr als eine Ahnung: Er ist in die Form eines Ebers gehauen.
Der Einwand dazu ist derselbe wie weiter unten beim Bodenrelief: Das Auge findet Tiere im Stein, ob eines gemeint war oder nicht. Ein Umriss, der beim Umrunden trägt, ist trotzdem etwas anderes als ein Schattenwurf, der bei anderem Licht verschwindet. Welche der Blöcke bearbeitet sind und welche nur so aussehen, entscheidet am Ende die fachliche Prüfung.
Es sind Grabsteine, und dahinter liegen die Gräber. Das stützt sich nicht auf die Steine allein: Auf den Grabhügeln liegen Artefakte. Ein einzelner auffälliger Block im Wald wäre wenig – ein bearbeiteter Block, ein Hügel dahinter und Fundstücke darauf ergeben zusammen ein klares Bild. Solche Stellen ziehen sich über den ganzen Abschnitt, sie häufen sich nicht an einem Punkt.
Dazu kommt, woher das Material stammt. Über das ganze Gebiet verteilt liegen Steinbrüche – Stellen, an denen Fels gebrochen wurde. Das schließt den Kreis: Wer Steine setzt, muss sie irgendwoher holen, und der Weg vom Bruch zum gesetzten Stein ist hier kurz.
Von außen sieht so eine Stelle nach gewöhnlichem Bergwald aus. Wer darüber läuft, merkt den Unterschied: Unter dem Moos liegt loses Material in ähnlichen Größen, kein gewachsener Fels.
Was diese Steine nicht hergeben, ist ihr eigenes Alter. Dass in der Steinzeit Menschen hier waren, sagen die Werkzeuge. Ob die gesetzten Blöcke aus derselben Zeit stammen, aus der Völkerwanderung oder aus mehreren Epochen übereinander, beantwortet keine Begehung.
Eine Schlange, die hier nicht hingehört
Unter den Stücken aus dem Tal ist eine Darstellung, die aus dem Rahmen fällt: eine Schlange, in einer Formensprache, die man in dieser Gegend nicht erwartet. Vergleichbares kennt man aus dem Raum an der unteren Elbe bei Hamburg – und das ist die Landschaft, aus der die Langobarden aufbrachen, bevor sie im 6. Jahrhundert nach Italien zogen.
Ihr überlieferter Weg führte über Pannonien, also weit östlich an den Allgäuer Alpen vorbei. Dass Gruppen von ihnen durch dieses Tal kamen – oder Leute, die ihre Bildsprache kannten –, wäre neu. Abwegig wäre es nicht: Wer von Norden nach Süden über die Alpen will und die großen Pässe meidet, hat mit dem Bregenzerwald und diesem Hochtal einen gangbaren Korridor vor sich.
Wir stellen das hier als das dar, was es ist: eine auffällige Ähnlichkeit und eine Frage. Keine Antwort.
Der bearbeitete Boden
Auch abseits der Plattformen trägt der Talboden Spuren. Rechnet man den Bewuchs heraus und zieht den Kontrast hoch, treten Kanten, Mulden und Wälle hervor, die im Gelände kaum zu sehen sind. Manches davon ist der Bach – die Bolgenach hat ihr Bett über die Jahrtausende oft verlegt. Manches ist Landwirtschaft aus jüngerer Zeit.
Denn dann ist da eine Form, die sich so nicht wegerklären lässt. Zieht man den Ausschnitt heran, treten zwei Gesichter hervor, einander zugewandt: zwei Menschen, die sich küssen.
Das Entscheidende daran ist nicht dieses eine Bild. Das menschliche Auge findet Gesichter in Wolken, in Steckdosen und in Bergflanken – es ist darauf gebaut, lieber eines zu viel zu sehen als eines zu wenig, und ein einzelner Fund wäre deshalb kein Argument. Dieselbe Darstellung findet sich aber an mehreren Stellen im Tal. Ein Zufall wiederholt sich nicht. Ein Motiv schon.
Was jetzt zählt, ist die Dokumentation: wie viele Stellen es genau sind, wie sie zueinander liegen, ob die Darstellungen gleich ausgerichtet sind. Das ist die Arbeit, die vor uns liegt.
Wenn du hingehst
Der Talboden ist frei zugänglich, und es spricht nichts dagegen, dort mit offenen Augen unterwegs zu sein. Nur: Was im Bach oder im Waldboden liegt, bleibt liegen. Ein Fund ohne seine Fundstelle ist ein hübscher Stein und sonst nichts – Lage, Tiefe und Nachbarschaft sind die halbe Information, und die ist weg, sobald das Stück in der Jackentasche steckt. Wer etwas entdeckt: fotografieren, Standort merken, liegen lassen. Bei uns lief es andersherum – die Axt lag längst zu Hause, bevor überhaupt jemand wusste, was sie ist. Genau deshalb steht der Rat hier.
Wie es weitergeht
Die Meldung an das zuständige Denkmalamt ist erfolgt – sie war fällig, sobald aus dem Verdacht Fundstücke geworden waren. Der nächste Schritt liegt damit nicht mehr bei uns.
Was in der Zwischenzeit ansteht, ist die Dokumentation: die Stellen sauber erfassen, die Wiederholungen zählen, die Lagen zueinander festhalten.
Wer im Tal selbst etwas gesehen hat, das hierher passt: Im Dorfforum ist Platz dafür.
Weiter im Tal
Kommentare
1 Kommentar
Kommentare zu diesem Beitrag kannst du schreiben, wenn du im Dorfplatz angemeldet bist.
Anmelden