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Auf dem Flohmarkt an der Trabrennbahn in Hamburg, zwischen Kisten mit gerahmten Drucken, stand ein Bild, das aussah wie von hier. Ein Dorf im Talboden, ein spitzer Kirchturm, eine bewaldete Flanke, die von rechts herunterzieht, und darüber Fels mit Schnee in den Rinnen. Siebenhundert Kilometer von Balderschwang entfernt sah ich auf etwas, das ich zu kennen meinte. Es hat dann zwei Zeilen in winziger Schrift gebraucht, um herauszufinden, wie recht und wie unrecht ich hatte – und warum dieses Bild ausgerechnet hier hingehört.
Unten links stand, wo es nicht ist
„Oberstdorf bay. Allgäu". Also nicht Balderschwang, sondern ein Tal weiter, jenseits des Riedbergs. Das war die erste Ernüchterung und zugleich die interessantere Erkenntnis: Ich hatte mich nicht getäuscht, ich hatte nur das falsche Dorf erkannt. Talboden mit Kirchturm, steile Waldflanke, Fels darüber – das ist nicht Balderschwang und nicht Oberstdorf, das ist die Bauform dieser Landschaft. Wer hier aufgewachsen ist, liest sie wie ein Gesicht, auch wenn es das Gesicht eines Fremden ist.
Unten rechts stand, von wem
Drei Zeilen, so klein, dass man sie im Halbdunkel der Markthalle kaum entziffert:
Heimhuber. Den Namen kennt im Oberallgäu jeder, der einmal ein Passbild gebraucht hat: Das Fotohaus Heimhuber steht bis heute in Sonthofen. Was ich nicht wusste: Der Mann, der diese Signatur gesetzt hat, ist der Anfang dieser Geschichte – und er hat sie vor rund 150 Jahren begonnen.
Josef Heimhuber, 23 Jahre alt, mit einem Holzanbau
Josef Heimhuber, geboren 1853, kam 1876 als Dreiundzwanzigjähriger nach Sonthofen und richtete dort im Jahr darauf ein Fotoatelier ein – in einem kleinen Holzanbau des ehemaligen Sporthauses Glaser. Er fing mit Porträts an, wie fast alle damals, und wandte sich bald der Landschaft zu. Ab den 1880er-Jahren fotografierte er im Hochgebirge. Heute gilt er als Pionier der Allgäuer Landschaftsfotografie.
Das Geschäft wuchs. 1882 gründete er einen Ansichtskartenverlag, der zeitweise der größte in Deutschland gewesen sein soll. 1883 eröffnete er eine Filiale in Oberstdorf – die dort bis 1975 bestand –, 1887 eine in Immenstadt. Genau diese beiden Orte stehen auch unter unserem Bild: Sonthofen – Oberstdorf.
Ein Bild wie dieses war kein Knopfdruck. Es war Glasplatten, Stativ, Fußweg – und die Entscheidung, an genau dieser Stelle stehenzubleiben.
Der Titel, der das Bild datiert
Die mittlere Zeile ist die interessanteste: Hofphotograph. Das war kein Werbespruch, sondern ein verliehener Titel. Josef Heimhuber begleitete Prinzregent Luitpold als Fotograf und wurde dafür zum königlich bayerischen Hofphotographen ernannt.
Für die Datierung heißt das: Wer den Titel unter ein Bild schreibt, hat ihn bereits. Der Druck kann also nicht vor der Ernennung entstanden sein – das Bild fällt damit ins erste Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts, um 1908 herum. Ein Vierteljahrhundert, bevor in Balderschwang der erste Skilift stand. Zwei Weltkriege, bevor irgendjemand hier oben von Tourismus als Wirtschaftszweig sprach.
Fünf Generationen und ein Archiv
Josef Heimhuber blieb nicht der einzige. Sein Sohn Fritz fotografierte, dessen Sohn Eugen ebenfalls; eine Enkelin, Lala Aufsberg, wurde selbst eine bekannte Fotografin. 1938 eröffneten Heimhubers Nachfahren das erste Farblabor im Allgäu.
Geblieben ist etwas, das man kaum überschätzen kann: Im Fotohaus Heimhuber in Sonthofen lagern Hunderttausende Negative aus fünf Generationen – eines der bedeutendsten Fotoarchive dieser Art. Das ist nicht nur Firmengeschichte. Das ist das Oberallgäu, festgehalten von den 1870er-Jahren bis heute: Dörfer vor dem Ausbau, Alpen vor der Straße, Gesichter von Leuten, deren Urenkel hier noch wohnen.
Der Berg dahinter: der Kratzer
Das Massiv über dem Dorf ist der Kratzer, 2.428 Meter – ein mehrgipfeliger Klotz südwestlich der Kemptner Hütte, in unmittelbarer Nachbarschaft von Mädelegabel, Trettachspitze und Hochfrottspitze. Von Oberstdorf aus sieht er aus wie eine Felsruine. Genau so steht er auf dem Bild: kein einzelner Gipfel, sondern ein zersägter Grat, über den das Licht in Stufen abfällt.
Er ist das Wahrzeichen von Oberstdorf – es gibt kaum eine Ortsansicht, auf der er fehlt. Heimhuber hat seinen Standort also nicht zufällig gewählt. Er hat das Bild gebaut, das man von Oberstdorf erwartet: das Dorf unten, den Kratzer oben, dazwischen die Waldflanke als dunkle Diagonale. Hundert Jahre später machen Leute mit dem Telefon dasselbe Bild.
Hinauf führt kein markierter Weg. Der einfachste Anstieg kommt von Süden über Schutt und verlangt Trittsicherheit; die Kletterrouten durch die Nordwand werden wegen des brüchigen Gesteins kaum noch begangen. Der Berg, den jeder auf den Bildern sieht, steht auf keiner Wanderkarte als Ziel.
Wie kommt ein Bild aus Sonthofen nach Hamburg?
Dazu lässt sich nichts belegen, nur vermuten. Die wahrscheinlichste Erklärung ist die banalste: Sommerfrische. Wer um 1900 aus dem Norden in die Alpen fuhr, brachte ein gerahmtes Bild mit nach Hause, so wie man heute ein Foto auf dem Telefon mitbringt. Es hing dann sechzig Jahre in einem Hamburger Wohnzimmer, wurde vererbt, irgendwann nicht mehr aufgehängt und landete bei einer Wohnungsauflösung in einer Kiste. Der Weg zurück ins Allgäu hat hundert Jahre gedauert und zwei Euro gekostet.
Warum ein Bild aus Oberstdorf nach Balderschwang gehört
Das ist die Frage, die sich beim Aufhängen stellt. Es gibt zwei Antworten, und die zweite ist die praktischere.
Erstens zeigt das Bild nicht die Vergangenheit eines Ortes, sondern die einer Region. Balderschwang, Obermaiselstein, Bolsterlang, Fischen, Sonthofen, Oberstdorf – das war nie eine Ansammlung getrennter Gemeinden, sondern ein zusammenhängender Lebensraum mit denselben Höfen, denselben Alpen, denselben Wegen. Was auf dieser Platte steht, galt hier oben genauso: Häuser dicht beieinander im Talboden, Heuwiesen bis an den Waldrand hinauf, ein Kirchturm als einziger senkrechter Strich, und über allem Fels, den damals kaum jemand aus Vergnügen bestieg. Wer wissen will, wie es in dieser Gegend vor hundertzwanzig Jahren aussah, findet die Antwort nicht entlang von Gemeindegrenzen. Er findet sie in Bildern wie diesem.
Zweitens sieht fast jeder, der hier Urlaub macht, genau diese Orte. Wer in Balderschwang wohnt, fährt zum Einkaufen nach Fischen, mit der Linie 46 weiter nach Oberstdorf, nach Sonthofen zum Bahnhof, zum Arzt, ins Kino. Oberstdorf und Sonthofen sind für dieses Tal keine fremden Städte, sondern seine Infrastruktur – und im Fall von Sonthofen eben auch der Ort, an dem das Bild vor hundertzwanzig Jahren entwickelt wurde.
Das Bild zeigt also keinen beliebigen Ort, sondern einen, an dem die meisten unserer Gäste während ihres Aufenthalts selbst stehen werden. Nur eben eine Menschenalter später, mit anderen Häusern, mehr Straße und deutlich mehr Wald am Hang. Der Berg dahinter ist derselbe.
Alte Fotos sind das einzige Mittel, mit dem sich überprüfen lässt, was man über früher zu wissen glaubt.
Und dann ist da noch das Archiv. Die Heimhubers haben das ganze Oberallgäu fotografiert, das Balderschwanger Tal eingeschlossen. Irgendwo in diesen Beständen liegen Platten, auf denen unsere Alpen zu sehen sind, bevor die Passstraße kam. Unsere Kirche, bevor sie die heutige Umgebung hatte. Leute, die hier gemäht haben und deren Urenkel heute noch im Tal wohnen. Das ist keine Dekoration, das ist Ortsgeschichte in Silber auf Glas.
Bleibt der Irrtum am Flohmarktstand, der etwas Richtiges enthielt: Ich habe das Bild für heimisch gehalten, und das war es auch – nur eine Talschaft weiter. Wer den Riedbergpass für eine Grenze hält, sollte sich alte Fotos ansehen. Da sieht man, dass es immer eine Gegend war.
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